Die Lüge von den Umgehungsstraßen
Die Planung um die Westtangente sei "aufs Eis gelegt", hatte unser Bürgermeister noch im Frühjahr dieses Jahres verlauten lassen, und in der Tat, es schien ruhiger um dieses Projekt geworden zu sein.
Die Bürgerinitiative wollte dieser "Ruhe" doch nicht richtig trauen und so haben wir weiterhin am Dossier Westtangente gearbeitet. Zusammen mit den andern Bürgerinitiativen im Süden und Südwesten haben wir innerhalb der "Plattform fir Mobilitéit mat Zukunft", die in der heutigen wirtschaftlichen und ökologischen Lage immer unsinniger erscheinenden Straßenbauprojekte angeprangert. In unserer Analyse, die wir in eienr gemeinsamen Broschüre festgehalten haben, sind wie zum Schluss gekommen, alle diese "Umgehungsstraßen" im Westen und Südwesten, also auch die Westtangente, müssten unbedingt in die IVL-Studie (IVL=Integriertes Verkehrs-und Landesplanungskonzept) einbezogen werden. Wir erhofften uns davon, dass hier unabhängige Studienbüros zu Schlussfolgerungen gelangen könnten, die das Projekt "Tangente- Ouest" in objektivere Zusammenhänge bringen würden; soll doch das IVL eine weitsichtigere Verkehrs-und Straßenbaupolitik in die Diskussion bringen und den ökologischen Standpunkt stärker berücksichtigen.
Es müsste endlich in ehrlicher Offenheit und nicht nach politisch kurzsichtigen Überlegungen gehandelt werden! Leider scheinen dies nur Wunschträume zu sein, denn all unsere Hoffnungen drohen an den sturen und vorgefassten Entscheidungen der politisch Verantwortlichen zu zerschellen.
Sowohl der Bürgermeister von Kehlen als auch das Bautenministerium haben während den Sommerferien einmal mehr gezeigt, dass sie, koste es was es wolle, am Projekt Westtangente festhalten wollen.
So hat denn der Bürgermeister unverhohlen, kurz und bündig mitgeteilt, er habe beim Innenministerium "die Stellung der Gemeinde klar verdeutlicht und auf die Notwendigkeit der Umgehungsstraße für unsere Gemeinde hingewiesen" (de Buet, 9/2003).
Einmal mehr aber hat er sich gescheut, die Straße bei ihrem wirklichen Namen zu nennen, und hat wie so oft von Umgehungsstraße gesprochen. Dieses Straßenbauprojekt immer noch zu verharmlosen, grenzt an Zynismus, da inzwischen klar sein müsste, dass es sich dabei um ein Teilstück nicht nur einer nationalen, sondern einer internationalen Verkehrsachse handeln wird. Ja, in einem Gespräch aus dem L.W vom 23. Juli 2003 unterstreicht die Bautenministerin die übergeordnete Rolle der geplanten Westtangente, indem sie betont, es sei eine "Hauptachse", die "in Zukunft das Rückgrat für die Straßenverbindung des Nordens mit dem Westen und Süden des Landes" bilden werde. Dass die Westtangente obendrein eine internationale Funktion erhalten wird, geht aus ihrer Anbindung bei Mersch an die Nordstraße und bei der "Biff" an die "Collectrice du sud" hervor. Die Nordstraße verbindet unser Land bei Sankt -Vith mit dem Autobahnnetz, das zu den Ballungsräumen von Maastricht-Heerstel, Liège und Aachen führt, und die Collectrice du Sud bindet uns einerseits an das belgische, andererseits an das französische Autobahnnetz im Südwesten bzw. Süden unseres Landes an. Erst in diesem Gesamtzusammenhang wird die übergeordnete Rolle der Westtangente deutlich. Ob unsere Verantwortlichen diese erkannt haben, ist fraglich.
Sicher ist hingegen Folgendes:
Sowohl durch die "Umgehungsstraßen" von Keispelt-Meispelt-Kehlen als auch durch die von Mamer-Bascharage-Dippach sollen nach der berühmten Salamitechnik Teilstücke der künftigen Westtangente entstehen.1 Dabei scheint die Bautenministerin es mit dem Bau der Westtangente besonders eilig zu haben. Hier ihre eigenen Worte: ".. das Projekt zum Bau der Westtangente muss so schnell wie möglich in Angriff genommen werden. Auch wird die Westtangente im Rahmen des IVL untersucht. Die ersten Bewertungen sind übrigens sehr positiv." (LW, 23. Juli 2003)
Dass bei einer solch fordernden Vorgabe, die IVL- Studie dieses Projekt verwerfen könnte, scheint uns mehr als unwahrscheinlich. In der Tat stehen mit der Westtangente Interessen an, die weit über die frommen Wünsche eines Bürgermeisters hinausgehen, der nur von Umgehungsstraßen spricht. Da wir nicht annehmen, dass er selbst so naiv ist, den übergeordneten Charakter dieser "Umgehungsstraßen " zu verkennen, fragen wir uns, ob er die Bürger bewusst täuschen bzw. belügen will.
1
Vgl. hierzu den Leserbrief "Viele kleine Umgehungsstraßen" von jemu aus dem LW vom 08.10.2003